Vom heilsamen Umgang mit unheilbar Kranken

Vortrag gehalten anlässlich der „Nacht des Heilens“ vom 6. Nov. 2004 in der Elisabethenkirche, Basel


Vom heilsamen Umgang mit unheilbar Kranken heisst der Titel meines Vortrages. Ohne lange zu Zögern habe ich zugesagt, diesen Vortrag zu halten. Manchmal aber frage ich mich, ob es nicht ein wenig vermessen war. Wie will ich als gesunder Mensch wissen, was es bedeutet unheilbar krank zu sein und was diesen Kranken wirklich hilft? Dass ich trotzdem zugesagt habe, kommt aus dem Wunsch, Sie teilhaben zu lassen an dem, was ich seit 14 Jahren bei meiner Arbeit mit meist unheilbar, kranken und sterbenden Menschen gelernt habe.

Mein Vortrag hat zwei Schwerpunkte. Der erste Schwerpunkt kommt mehrheitlich aus dem, was man lernen kann. Über den Umgang mit unheilbar kranken und sterbenden Menschen gibt es Bücher, Weiterbildungen und Kurse. Vieles kann man dort lernen, noch mehr lernt man durch die Erfahrung und am meisten von den kranken und sterbenden Menschen selbst.

Der zweite Schwerpunkt befasst sich mit dem Wort heilsam. Heilsamer Umgang mit unheilbar Kranken – ein Widerspruch liegt in diesem Satz. Entweder man ist krank und kann geheilt werden oder man ist unheilbar krank und stirbt an dieser Krankheit. Der heilsame Umgang bezweckt aber etwas anderes. Er zielt darauf hin, dass heil sein nicht gleichzusetzen ist mit gesund sein. Dieser heilsame Umgang soll also mithelfen zu ermöglichen, dass ein Mensch mitten in Krankheit und Sterben „heil“ werden kann Wenn ich versuche, dieses Wort heil werden anders auszudrücken, so kommen mir Ausdrücke wie „ganz werden“ „sich mit dem Schicksal versöhnen“ und ähnliches in den Sinn.

Es wird mir nicht möglich sein, das eine vom andern zu trennen. Und das ist gut so. Gerade bei unheilbar kranken Menschen ist es von grosser Bedeutung, ob wir einfach das „machen“, was wir gelernt haben und was richtig und notwendig ist, oder ob wir unser „sein“, unser „Menschsein“ mit in die Betreuung und Begleitung einbringen.

Im Frühling dieses Jahres habe ich das Präsidium des Palliativnetz Nordwestschweiz übernommen. Diese erst gut 2 Jahre alte Regionalgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für palliative Medizin, Pflege und Begleitung hat zum Ziel, Menschen die mit unheilbarer Krankheit – betreffe es sie selber oder ihre Angehörigen – konfrontiert sind, Unterstützung und Begleitung anzubieten. Ein weiteres, wichtiges Anliegen des Palliativnetzes ist es, das Wissen um die Notwendigkeit der Förderung der Palliativpflege weiterzuverbreiten und entsprechende Weiterbildungen anzubieten. Palliative Care – so heisst das englische Wort dafür – befasst sich mit Menschen, die unheilbar krank sind und dieser Ausdruck ist fast nicht ins Deutsche zu übersetzen. Pallium heisst Mantel und Care übersetzt man am ehesten mit „Fürsorge“. Wenn man es in ein Bild zu fassen sucht, so könnte es am ehesten heissen: „einen wärmenden Mantel schützend um eine leidende Person legen“.

Menschen jeglichen Alters, die unheilbar krank sind, brauchen medizinsche Hilfe für ihre Krankheitssymptome – aber nicht nur. Sie brauchen Pflege – aber nicht nur. Sie brauchen Unterstützung bei allem, was sie selber bestimmen und noch erledigen möchten im Hinblick auf ein vielleicht nicht mehr allzu fernes Sterben – aber nicht nur das. Sie brauchen menschliche Wärme, spirituelle Begleitung, Geborgenheit – und auch das alleine genügt nicht. Und damit sind wir eigentlich bereits mitten in dem, was mir an Wünschen und Bedürfnissen von unheilbar kranken Menschen immer wieder begegnet.

Fragt man Menschen auf der Strasse – oder könnte ich sie jetzt nach ihren Wünschen an das Sterben fragen, so erhält man in der Regel eine sehr monotone Antwort, die lautet: „Schnell“.

Fragt man hingegen Menschen, die von einer unheilbaren Krankheit betroffen sind und die sich demzufolge schon intensiver mit der eigenen Sterblichkeit auseinandergesetzt haben, werden die Antworten farbiger, lebendiger, differenzierter und unterschiedlicher! Sie werden so unterschiedlich, wie unsere Wünsche an das Leben unterschiedlich sind.

Und das ist etwas vom Wichtigsten, das ich gelernt habe:

Es gibt keine Regeln, keine Abläufe, die immer gleich sind. Auch wenn ich noch soviel Erfahrung habe, nicht ich weiss, was für den Kranken gut ist. Es ist seine Krankheit, es sind seine Ängste, seine Sorgen, seine Wünsche. Es gibt Anhaltspunkte, die mir helfen können, diese Sorgen und Wünsche wahrzunehmen, aber eine meiner wichtigsten Bestrebungen muss sein, die Selbstbestimmung des Kranken zu ermöglichen.

Da ist z.B. der vielverwendete Ausdruck der Lebensqualität. Immer wieder höre ich im Spital: wir machen noch diese und diese Therapie oder geben diese Medikamente, dann hat der Patient eine bessere Lebensqualität. Da sagen Kinder wenn ein Elternteil, der in ein Pflegeheim muss: wir kaufen neue Möbel, geben das und das mit, dann hat unser Vater/Mutter eine bessere Lebensqualität – wie oft schlagen wir selber oder irgend jemand etwas vor, das die Lebensqualität eines anderen Menschen verbessern soll und sind uns nicht bewusst, dass Lebensqualität etwas sehr persönliches ist. Jeder Mensch versteht unter Lebensqualität, die für ihn gilt, etwas anderes, alle haben wir unterschiedliche Schwerpunkte! Ich habe das mit Beschämen und Staunen bei meinen Patienten gelernt:

Kommen wir zurück zu den Antworten, die unheilbar Kranke auf die Frage nach den Wünschen an das Sterben oder besser gesagt, an das Leben bis zum letzten Atemzug, geben. Das ist wohl eine der ersten und wichtigsten Tatsachen, die ja eigentlich für uns alle zu jeder Minute unseres Lebens gelten sollte: wir leben auf das Sterben hin, aber die Betonung liegt auf Leben! Unsere Aufmerksamkeit, unsere Bemühungen gelten in erster Linie der noch zu lebenden Zeit – es gilt diese Zeit mit Leben zu füllen! Wenn ein kranker Mensch aufhört, sein ganzes Bestreben danach zu richten, seinem Leben zusätzliche Zeit zu geben, gelingt es ihm, seine Aufmerksamkeit auf das zu richten, was seiner noch verbleibenden Zeit diesen Inhalt von Leben gibt, der seinen persönlichen Wünschen entspricht.

Es gibt eine Reihe von Wünschen, die immer wieder auftauchen und die sich in 4 Gruppen einteilen lassen. Und diese 4 Gruppen entsprechen den vier Dimensionen unseres Lebens: der sozialen, der körperlichen, der psychischen und der spirituellen.

Die soziale Dimension:
Eine immer wieder geäusserte Antwort kann sein: „ich möchte nicht alleine sein, nicht allein gelassen werden, nicht alleine sterben.“ Das bedeutet, umgeben sein, von Menschen, die einem im Leben nahe gestanden haben. Das ist der Wunsch, in der vertrauten Umgebung, am liebsten zu Hause, bleiben zu können – dort, wo man sich ein Leben lang geborgen gefühlt hat.

Wenn ein Mensch von einer unheilbaren Krankheit betroffen wird, so betrifft diese Krankheit immer auch seine Nächsten. Die Angehörigen erleben genau gleich, dass sich alles ändert, sie leiden, hoffen und bangen wie der Kranke selbst. Und alle, die schon solche Situationen miterlebt haben, wissen, wie schwierig alles werden kann:

Da ist der Kranke, der sieht, wie seine Lieben leiden und er leidet darunter, „schuld“ zu sein.

Da sind die Angehörigen, die an ihrer Hilflosigkeit, ihren Ängsten leiden und die oft sehr alleine gelassen werden.

Und oft haben Kranke und Angehörige grosse Mühe ins Gespräch über all diese sie ängstigenden und schmerzenden Dinge zu kommen.

Und dann kann es schwierig werden:
Die Angehörigen überfordern sich mit der Pflege, meinen, es sei ihre Pflicht, alles für den Kranken zu machen, geben ihr eigenes Leben auf – und erschöpfen sich völlig damit.

Die Kranken, die das sehen, leiden noch mehr, werden manchmal aggressiv....
Und oft wird viel zu lange gewartet, bis Hilfe gesucht und gefunden wird....

Dann kann für die Angehörigen die Belastung derart gross werden, dass eine Einweisung in ein Heim oder in eine Klinik unumgänglich zu werden droht.

Meine Arbeit in den letzten 12 Jahren mit dem Aufbau der SEOP BL und heute wieder neu mit dem Bestreben, dem PALLIATIVNETZ NWCH einen festen Platz im Betreuungsangebot chronisch kranker Menschen zu schaffen, zielt jedoch darauf hin, dass – wenn ein Patient zu Hause bleiben möchte – Hilfe angeboten werden kann. Hilfe für ihn selber, aber nicht minder für die betreuenden, mitbetroffenen Angehörigen! Es gibt verschiedene Organisationen, z.B. die Spitalexterne Onkologiepflege, das Rote Kreuz, Organisationen die auch Nachtwachen anbieten, die je nach Situation einzeln oder in Kombination Hilfe und Unterstützung bringen können, damit der Wunsch, zu Hause zu bleiben, wenn möglich erfüllt werden kann. Manchmal ist das trotz aller Bemühungen nicht möglich oder wird nicht gewünscht. Dann ist es unser Ziel, gemeinsam eine andere, gute Lösung für alle zu finden. Ein wichtiges Ziel des PALLIATIVNETZ NWCH ist es, eine bekannte Kontaktstelle zu werden, wo Menschen, die Hilfe suchen, gezielt auf die für sie hilfreichen Möglichkeiten hingewiesen werden können.

Ich möchte nochmals zurück kommen zu diesem oft geäusserten Wunsches: „ich möchte nicht alleine sterben“, oder von den Angehörigen ausgedrückt: „ich möchte bei ihm, bei ihr sein, wenn die letzte Stunde kommt“.

Ich habe oft erlebt, wie dieser Wunsch unter Druck setzen kann. Wie oft sitzen Angehörige Stunden oder Tage am Krankenbett, um ja den Moment des Sterbens nicht zu verpassen – wünschen sich mit schlechtem Gewissen verständlicherweise diesen Moment herbei, oft in der Angst, nicht durchzuhalten.

Ich habe erlebt und gelernt, dass wir uns nicht so verzweifelt bemühen müssen, dass unsere Sorgen und unsere Anstrengungen oft ziemlich nutzlos sind. Heute bin ich überzeugt davon, dass sterbende Menschen den Zeitpunkt ihres letzten Atemzuges mitbestimmen. Zu oft habe ich erlebt, dass der Tod dann eintrat, als es einfach stimmte. Immer wieder habe ich staunend erlebt, wie Angehörige oder auch ich selber im richtigen Moment am richtigen Ort waren.

Diese Erlebnisse haben in mir ein grosses Vertrauen geschaffen, das ich immer wieder versuche Angehörigen von unheilbar kranken und sterbenden Menschen weiterzugeben. Wir können aufhören, uns so sehr anzustrengen und unter Druck zu setzen – es wird so kommen, wie es richtig ist. Es gibt Menschen, die alleine sterben möchten – und diese werden alleine sterben, so sehr wir das auch zu verhindern versuchen! Es gibt Menschen, die eine oder mehrere bestimmte Personen bei sich haben möchten, und diese Personen werden im richtigen Moment dort sein. Und manchmal wird es auch so sein, dass wir es nicht verstehen – aber müssen wir denn immer alles verstehen?

Kommen wir zur zweiten, der körperlichen Dimension:
Ein immer wieder geäusserter Wunsch lautet: „ich möchte keine Schmerzen haben“. Die Angst vor körperlichem Leiden ist bei unheilbarer Krankheit und nahendem Tod gross. Und deshalb ist das erste Ziel der Palliativmedizin die Beseitigung oder Linderung der körperlichen Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit u.a.m. Sich mit der Krankheit auseinander setzen, Beziehungen pflegen, notwendige Dinge erledigen, sich freuen – all das kann man kaum oder gar nicht, wenn man z.B. starke Schmerzen hat. Das Wissen in der Behandlung von Schmerzen und anderen belastenden Symptomen ist heute so gross, dass es in den meisten Fällen gelingt, das Leiden auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Auch hier spreche ich aus eigener Erfahrung. Beratung und Unterstützung bei der Schmerz- und Symptomkontrolle gehörte jahrelang zu meiner täglichen Arbeit und es ist eines der schönsten Erfolgserlebnisse, wenn es gelingt, Schmerzen in relativ kurzer Zeit auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Aber auch hier gilt als oberster Grundsatz:

Der Patient bestimmt und gewichtet seine Symptome! Nicht wir! Das, was der Kranke als Leiden äussert, muss unser Handeln bestimmen und nichts anderes. Nicht Laborwerte, keine Röntgenbilder und schon gar nicht unsere eigenen Interpretationen. „Schmerz ist, was der Patient sagt und er tritt dann auf, wenn der Patient es sagt“. Es gibt Patienten, die gar keine Schmerzen ertragen können und wollen und andere, die möglichst wenig Schmerzmittel nehmen möchten, aus welchen Gründen auch immer. Unsere Aufgabe ist es, zu informieren und mit dem Patienten gemeinsam diesen Weg zu suchen, den er gehen möchte und gehen kann.

Zu der Angst vor körperlichen Schmerzen kommt die Angst vor geistigen Störungen und Kontrollverlust. Nicht mehr zu wissen, was man sagt und wo man ist oder nicht mehr sagen zu können, was man möchte, macht sehr vielen Menschen grosse Angst.

Diesen Ängsten stehe ich oft hilflos gegenüber – spüre ich sie doch selber auch immer wieder. Es ist daher hilfreich und wichtig, mit kranken Menschen frühzeitig gemeinsam zu überlegen, was in welcher Situation getan werden soll. Wir nennen das ein „persönliche Patientenverfügung“. Zum Beispiel wird rechtzeitig besprochen, ob ein Patient alle Medikamente (oder nur z.B. die Schmerzmittel) gespritzt haben möchte, wenn er nicht mehr schlucken kann. Das wird dann schriftlich festgehalten. Sind solche vorgängig wegweisende Gespräche aber nicht möglich und können auch die befragten Angehörigen nicht weiterhelfen, so kann mir die Überlegung helfen, wie ich selber möchte, dass man mit mir umgeht oder wie ich möchte, dass mit einem, mir sehr nahe stehenden Menschen umgegangen wird. Wenn wir uns der unantastbaren Würde und der Einzigartigkeit eines jeden Menschen bewusst sind und diese Haltung unsern Umgang mit kranken Menschen und ihren Angehörigen bestimmt, so gelingt es oft, diese Ängste etwas zu vermindern.

Die dritte, die psychische Dimension:
Hier beziehen sich die Wünsche von unheilbar kranken und sterbenden Menschen auf das „zu Ende bringen dürfen“. Sie kommen aus der Biographie, aus dem gelebten Leben eines jeden einzelnen Menschen. Ich vergleiche das immer wieder mit dem letzten Kapitel eines Buches – es muss passen, es muss die logische Folgerung der vorangehenden Kapitel sein. Und so wie die letzten Kapitel eines jeden Buches unterschiedlich sind, sind die Wünsche eines jeden Menschen unterschiedlich. Vielleicht gilt es noch Beziehungen zu klären, wichtige Gespräche zu führen, vielleicht muss etwas noch geordnet, erledigt werden, vielleicht gibt es noch einen lang gehegten Herzenswunsch zu erfüllen. Und viele Menschen möchten noch über die „letzten Dinge“ selber bestimmen, alles ordnen:

Was auch immer es sein mag – unsere Aufgabe ist es zuzulassen, Mut zu machen, Wege suchen zu helfen.

Die vierte, die spirituelle Dimension:
Hier geht es sehr oft um die Sinnfrage. Es ist die Hoffnung, noch Zeit und die Möglichkeit zu haben dem Sinn des Lebens und des Sterbens fragend nachzugehen und auch die Frage nach dem „Danach“ zu stellen. Es braucht dazu Menschen, die diese Fragen und dieses „Sich-in-Frage-stellen“ aushalten können. Menschen, die nicht voreilig irgendwelche, vermeintlich tröstende oder ausflüchtende Antworten geben. Unheilbar kranke und sterbende Menschen haben ein unglaublich feines Sensorium für Echtheit.

Zu diesen Bedürfnissen gibt es für mich zwei wichtige Grundsätze:

Der erste ist, dass ich hinhören, zuhören können muss. Ich muss genau hören, muss nachfragen, wenn ich nicht ganz sicher bin was z.B. mit einem so beiläufig daher gesagten „Tulpenzwibeln kaufe ich keine dieses Jahr“ gemeint ist. Wenn ich nachfrage höre ich, ob es einfach zu anstrengend ist, diese zu setzen, ob es genug Tulpen hat, oder ob der Kranke spürt, befürchtet, in wenigen Monaten nicht mehr zu leben. Wie oft schon ist mir erst im Nachhinein, beim überdenken eines geführten Gesprächs aufgegangen, dass ich nicht alles gehört, nicht nachgefragt und so eine wichtige Gelegenheit nicht genutzt habe.

Das Zweite ist, dass ich die Verzweiflung, die unbeantwortbaren Fragen, die manchmal bodenlose Traurigkeit und tiefen Ängste aushalte. Es gibt Situationen, die wirklich verzweifelt sind, Situationen, die auch mir sinnlos, ungerecht und schrecklich vorkommen, Situationen, wo ich mit dem besten Willen nichts zu sagen finde, das nur im Geringsten hilfreich sein könnte. Da hilft mir einzig der Gedanke, dass der Mensch mir gegenüber das weiss, dass er gar nicht erwartet, dass ich etwas ändern könnte, ja nicht einmal, dass ich etwas Tröstendes sage, wo es keinen Trost gibt. Er braucht einfach, dass ich dableibe, dass ich diese Verzweiflung spüre und mit ihm aushalte. Manchmal kommt es dann nach einer Weile des Schweigens, des Weinens vielleicht zu einem Gespräch. Es sind sehr wertvolle, kostbare Gespräche und man muss ganz behutsam und ehrlich sein. Und auch hier ist das Hören und ganz bei sich bleiben wichtig!

Dieser Vortrag findet im Rahmen der Nacht des Heilens statt, hier in der Elisabethenkirche, wo viele Menschen immer wieder heilsame Gespräche, heilsames Handauflegen erfahren. Ich möchte mich daher jetzt noch kurz der sogenannten Alternativmedizin, den komplementären Hilfsmöglichkeiten, dem Heilen zuwenden.

Viele Menschen hören irgendwann im Verlauf einer Krankheit von ihrem Arzt Sätze wie: „es ist nicht heilbar, sie sind unheilbar krank, man kann nichts mehr machen, wir können ihnen nicht mehr helfen“. Das entspricht der Sicht und dem Wissen der westlichen Schulmedizin. Aber ist das wirklich alles? Gibt es wirklich nur heilende, hilfreiche Massnahmen, die man naturwissenschaftlich messen und belegen kann?

Viele kranke Menschen erzählen mir, dass sie Hilfe auch an andern Orten suchen. Diese Suche gestaltet sich oft schwierig, führt auch immer wieder auf oft teure Irrwege und zu falschen Heilungsversprechen. Dazu kommt, dass das Suchen sehr oft im Geheimen stattfinden muss, da viele Ärzte grosse Zweifel haben an allem, was nicht statistisch und naturwissenschaftlich abgesichert ist. Es sind Bestrebungen im Gange – und sie können auch im Rahmen der Nacht des Heilens davon hören – alternative Behandlungsmethoden und ihre Wirkung zu überprüfen und auch statistisch zu belegen. Es gibt Berichte und Studien. Ich aber möchte im heutigen Rahmen bei dem bleiben, was ich selber erlebt und erfahren habe.

Ich führe sehr viele Gespräche mit kranken Menschen, die mich fragen – oder die ich selber frage – was denn auch noch helfen könnte, mit diesen schwierigen Lebenssituationen fertig zu werden. Es gilt auch hier: nicht alles ist für jeden gut. Man muss gemeinsam überlegen, welche Neigungen ein Mensch hat, wo seine spirituellen Wurzeln sind, was ihn als Hobby oder Interessensgebiet schon immer begleitet hat oder auch, was er gerne kennen lernen und ausprobieren möchte. Wichtig ist sicher, dass der Patient nicht in erster Linie einfach etwas anderes sucht, das seine Krankheit heilen soll. Ich erlebe auch immer wieder, wie heilsam es für kranke Menschen ist, selber etwas zu machen! Sei das meditieren, visualisieren, Körperübungen oder was immer es an Möglichkeiten gibt, die eigenen Kräfte und die eigene Mitte zu finden. Sehr oft ist das ja auch ein gutes Gegengewicht zu schulmedizinischen, meist medikamentösen Therapien. Denn sehr oft versuchen ganzheitliche Methoden vor allem das Gesunde zu fördern und nicht einfach das Kranke zu reparieren!

Ich spreche hier in erster Linie von Krebspatienten, denen die Schulmedizin nicht mehr helfen kann. Es sind Patienten, bei denen auch meine Antwort auf die Frage, ob ich glaube, dass sie wieder gesund werden können, lautet: die Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, die Möglichkeit gesund zu werden, liegt im Bereich der Wunder und darin, dass niemand mit Sicherheit weiss, wie eine Krankheit verlaufen wird.

Ich weiss, dass es mehr Dinge gibt zwischen Himmel und Erde als das, was wir sehen und begreifen können und dass wir mehr sind als unser physischer Körper.

Ich habe schon viel Eindrückliches erlebt. Ich habe Menschen erlebt, die zu einem Heiler oder einer Heilerin gegangen sind – sicher mit der Hoffnung gesund zu werden. Im Gespräch haben mir diese Menschen oft gesagt, dass der Heiler ihnen Hoffnung gemacht, aber kein Gesundwerden versprochen hat. Ich habe erlebt, wie Beschwerden und Schmerzen besser geworden oder sogar verschwunden sind. Ich habe gesehen, dass immer wieder einmal eine Krankheit nicht weiter fortgeschritten ist, besser wurde. Und fast immer war die Haltung der Patienten verändert. Sie hofften weiter, aber zu dieser Hoffnung gesellte sich sehr oft Ruhe und Vertrauen, eine Art Gelassenheit, das anzunehmen, was denn schlussendlich halt werden wird.

Ich selber arbeite mit Reiki. Ich bin vor 14 Jahren – gleichzeitig mit der Ausbildung zur Onkologieschwester – mit Reiki in Kontakt gekommen. Seither begleitet mich diese Energiearbeit durch Handauflegen meist wenig sichtbar in meiner täglichen Arbeit. Es gibt aber auch immer wieder Menschen, denen ich davon erzähle und es angeboten habe. Dort, wo Handauflegen zugelassen werden konnte, habe ich eindrückliche Erfahrungen gemacht. Vieles konnte sich lösen, in der Regel stellte sich eine beeindruckende Wachheit, Gelassenheit und Lebensfreude bei diesen Menschen ein und sie konnten in grossem Frieden sterben.

Alle diese vielen Erfahrungen – sei es das, was mir erzählt wird, ich miterleben durfte und darf oder meine eignen Erfahrungen mit Reiki – liessen in mir das tiefe Wissen wachsen, dass es mehr gibt, das heilt, als der Schulmedizin bekannt ist. Verstehen sie mich recht: ich komme aus der Schulmedizin und bin von ihrer Notwendigkeit und ihrem Nutzen überzeugt. Aber ich weiss, dass das nicht alles ist. Da gibt es grössere Kräfte, ein grösseres Wissen – immer mehr Menschen spüren das und suchen auch nach anderen Wegen. Einer meiner ganz grossen Wünsche ist es, dass der Graben zwischen Schulmedizin und alternativen Behandlungs- und Heilmethoden kleiner wird, dass Misstrauen schwindet, Zusammenarbeit entstehen kann.

Ich bin am Ende meine Ausführungen angelangt. Es ist ein weiter Bogen, den ich gespannt habe und noch immer gäbe es viel dazu zu sagen. Ich möchte nicht, dass Sie mit dem Eindruck von hier weggehen, dass es etwas schwieriges ist, dieser heilsame Umgang mit unheilbar kranken Menschen. Wenn ich manchmal selber ratlos vor einer Situation stehe, mich frage, was jetzt wohl am besten zu tun sei, so kommen mir die Worte von Meister Eckehart – er hat im 13. Jahrhundert gelebt! – in den Sinn und helfen mir zu beginnen. Ich möchte sie an den Schluss dieses Vortrags stellen:

Der wichtigste Augenblick ist immer der gegenwärtige.
Der Wichtigste Mensch ist immer der, der dir gerade gegenüber steht.
Die wichtigste Tat ist immer die Liebe.
Meister Eckehart

Susanne Perret, 6. Nov. 2004